Silvesterkonzert

Zum Silvesterkonzert am 31.12.17 spielte Dominik Susteck mit den beiden Assistenten Tobias Hagedorn und Boris Heinrich die Orgelwerke „Improvisation ajoutée“, „Phantasie mit Obbligati“ und „Rrrrrrr…“. Der folgende Text des Konzertprogramms gibt einen Einblick in diese Werke.

Die Interpreten Boris Heinrich, Tobias Hagedorn und Dominik Susteck

Bei seinem Erscheinen löste Mauricio Kagels Orgelwerk „Improvisation ajoutée“ (1962) einen Skandal aus. Die offensichtlichen Gründe waren die Geräusche, die der Organist und seine zwei Assistenten produzieren – Sprechen, Husten, Lachen, Pfeifen, Klatschen, vor allem aber laute Schreie. Zum Chorpart seiner vier Jahre zuvor entstandenen Komposition „Anagrama“ hatte Kagel angemerkt: „Wenn diese Schreie bei dem Hörer den Eindruck erwecken sollten, daß es sich hier um verletzte, schmerzleidende Personen handelt, dann ist dem Chor aufs Herzlichste zu gratulieren.“ Das ist sinngemäß auch auf die vokalen und körperlichen Entäußerungen des Organisten und seiner Assistenten in „Improvisation ajoutée“ anzuwenden.

Es gibt noch eine weitere revolutionäre Neuerung in „Improvisation ajoutée“: Die beiden Assistenten fungieren auch als Registranten, und als solche haben sie eine eigene Stimme in der Partitur. Dadurch ergeben sich mitunter sehr schnelle Register- und Klangfarbenwechsel, eigenständig rhythmisiert und unabhängig vom Notentext des Organisten. Der eigentliche Orgelpart wiederum ist rhythmisch komplex und bewegt sich hauptsächlich in Akkorden und Clustern, wobei für die Cluster ein neues Notationssystem zur Anwendung kommt, das die Position der Hände auf dem Manual (Faust, Handfläche offen oder geschlossen, Handrücken, Unterarm) und die Bewegung der Füße auf dem Pedal graphisch darstellt. Die übrigen Aktionen – Schreien, Sprechen, Pfeifen, Klatschen etc., dazu auch einige gesungene Töne – sind mit approximativen Tonhöhen, aber exakt ausnotierten Rhythmen zusätzlich zur Bedienung der Orgel zu bewältigen. So sind noch die unmittelbarsten Lebensäußerungen exakt einzupassen in einen komplexen Zusammenhang.

Weniger komplex als bei „Improvisation ajoutée“ fiel das klangliche Ergebnis bei Kagels zweitem Orgelstück, der „Phantasie für Orgel mit Obbligati“ (1967) aus. Dafür hat Kagel es mit einem soziokulturell-theatralen Subtext versehen, der – eingedenk seiner Maxime, daß man „mit Schauspielern, Tassen, Tischen, Omnibussen und Oboen“ komponieren könne – die Grenze von „Kunst“ und „Leben“ noch entschlossener überschreitet und damit eine ganz andere Art von Komplexität erzeugt. Der Orgelpart wird hier nämlich ergänzt durch zwei Tonbänder, die in überlappender Wiedergabe wie ein „Hörfilm“ den Arbeitstag des Organisten akustisch dokumentieren: Vom Regen bzw. Hagel am Schlafzimmerfenster beim Aufstehen, über die allmorgendlichen Verrichtungen, von der Toilettenspülung bis zum Toaster, den Weg zum Arbeitsplatz und die Fahrt mit der U-Bahn, bis hin zu den allfälligen Tätigkeiten, der musikalischen Begleitung diverser Kasualien. Der Witz dabei ist, daß der ausführende Organist die Aufnahmen selbst machen soll: Sie sollen also seinen persönlichen Alltag dokumentieren. Andererseits sind sie „Obbligati“, also Verpflichtungen (in der Barockzeit wurde mit diesem Begriff etwa die Mitwirkung bestimmter Soloinstrumente vorgeschrieben): Der Klang eines Toasters etwa muß vorkommen, unabhängig davon, ob der jeweilige Ausführende überhaupt Toast zum Frühstück zu nehmen pflegt. Es geht also schon hier nicht um das Individuum als solches, sondern um Fremdbestimmung und die Erfüllung von außen auferlegter Normen.

Das Stück entwickelt diese Entfremdungs-Thematik konsequent weiter. Und zwar da, wo man sie am wenigsten vermuten würde: In den benachbarten Bereichen des „Kreativ-Künstlerischen“ und des „Göttlichen“. Doch auch hier haben die Vollzugsroutinen der arbeitsteiligen Gesellschaft längst Eingang gefunden. Technische Geräte (Wasserkocher, Eieruhr, Toaster, Radio, U-Bahn) bestimmen und takten den Arbeitsalltag, und für den Organisten oder Kirchenmusiker sind auch die Kirchenglocken und sein Arbeitsgerät, die Orgel, zunächst einmal nichts weiter als zusätzliche Taktgeber. Bis hin zu den kirchlichen Amtshandlungen, deren akustischer Niederschlag den Schluß des Stückes bildet. In ihrer Abfolge (Taufe – Hochzeit – Begräbnis) sind sie zugleich ein menschliches Leben im Schnelldurchlauf: Ein Leben, fremdbestimmt und ferngesteuert.

Mauricio Kagel ist noch einmal auf die Orgel zurückgekommen: Mit den acht Orgelstücken „Rrrrrrr…“ (1980/81). Diese Stücke sind nicht mehr so offenkundig gesellschaftskritisch, wie die vorangehenden, sie sind „abgeschlossen“ im Sinne des klassischen Werkbegriffs, und sie beschränken sich auf die traditionelle Schreibweise für Orgel. Und dennoch bleibt der Komponist sich treu: Einer alten Leidenschaft für das Lexikalische folgend, wählt er aus einem Musiklexikon lauter Begriffe mit dem Buchstaben „R“ als mehr oder minder zufällige Ausgangspunkte. Als Herausforderung an die eigene Phantasie – aber eben auch als systematische Erkundung von Randbezirken des Musikalischen.

Randbezirke zumindest aus der Perspektive des mitteleuropäischen Konservatoriums: Das Außereuropäische (Raga, Ragtime), das Volksmusikalische (Rondeña), das Alte (Rauschpfeifen, Repercussa), das Minderwertige (Rosalie). Sie alle verwandelt er in kleine Charakterstücke mit vielfältigen, augenzwinkernd angepeilten Bezügen.

Ingo Dorfmüller